Chronik

6. Aufzeichnungen zum 1. und 2. Weltkrieg

Die Auswirkungen des 1. Weltkrieges hinterließen auch in unserem kleinen Dorf ihre Spuren. Lehrer Fritz Lüsse hat in der Schulchronik die damalige Gefühlslage der Menschen mit wohl gewählten Worten festgehalten.

Kriegschronik

Im März 1915

Wie der gegenwärtige Krieg in der Weltgeschichte in jeder Hinsicht eine bedeutende Stelle einnehmen wird, so ist auch die Teilnahme selbst unseres kleinen Ortes an demselben einer besonderen Würdigung wert. Darum mag auch hier der Teilnahme und Taten unseres Dörfchens und seiner lieben Krieger am großen Kriege mit Dank gedacht und kurz aufgezeichnet werden. Wenig war in unserem stillen Tale von der Unruhe zu merken, die an allen größeren Plätzen unseres Vaterlandes kurz vor Ausbruch des Krieges herrschte. Aber doch schlug auch hier so manches Herz in ernster Erwartung und doch voll Stolz fürs Vaterland. Öfters rief der Ortsvorsteher mit Hilfe des Hornes die Bewohner zusammen, um ihnen eine neue Bekanntmachung kundzugeben. Schneller schlug dann manches Mutterherz. Am 1. August 1914 erschien die Mobilmachung. Für so manchen galt es nun, Abschied zu nehmen von den lieben Angehörigen, von Freunden und Bekannten und vom lieben Heimatörtchen. Obgleich der Abschied oft ein wenig hart und schwer war, so zog doch jeder mit heiliger Begeisterung aus, fürs liebe Vaterland und mit dem festen Entschluß, die Lieben in der Heimat zu beschützen, sei es auch mit dem eigenen Blut und Leben. Auch die Schule wurde für einige Tage ausgesetzt, damit die Kinder die hohe Begeisterung und den heiligen Ernst der Tage besser durchleben konnten.

Sehr herzlich war der Abschied der Krieger aus unserem Dörfchen. Meist wurden sie bis zur Bahn oder zu ihrem Anstellungsort begleitet. Es zogen gleich nach Ausbruch des Krieges acht liebe Angehörige des Dorfes hinaus, um für die Ehre und das Bestehen des Vaterlandes zu streiten. Die Namen derselben sind: Gustav Bender, Eduard Bender, Karl Bender, Wilhelm Braach (Schäfers), Eduard Otto, Karl Flender und Friedrich Daub. Es standen als aktive Soldaten im Herrn: Heinrich Ahl und Wilhelm Brück. Später traten noch in den Dienst des Vaterlandes: Heinrich Braach, Fritz Braach, Wilhelm Ahl, Karl Braach, Fritz Lüsse und Ernst Stücher. Gespannt warteten die lieben Angehörigen auf die ersten Ereignisse des Krieges. Sie waren günstig für unser Vaterland. So kamen auch von unseren lieben Kriegern im Felde gute Nachrichten.

Doch bald gab es harte Schläge, so daß auch auf unserer Seite der Sieg unter manchen schweren Opfern erkauft werden mußte. So zahlte auch unser Dörfchen einen hohen Preis. Es starben bisher den Heldentod auf fremder Flur: Gustav Bender am 5. September 1914 bei Cerney, Wilhelm Braach am 7. November 1914 bei Apremont in der Straße von St. Mihiel, Hermann Bender am 22. September 1914 in den Ardennen. Die Beienbacher werden den Helden ein treues Andenken bewahren. Gott helfe weiter unserem lieben Heimatdörfchen.

April 1916

Im Laufe des Krieges zogen noch ins Heer: Heinrich Flender und Albert Demandt. Schon steht unser deutsches Volk fast zwei Jahre im gewaltigen Völkerringen. Die Zahl unserer Feinde hat sich noch vermehrt. Aber dennoch sind wir als Sieger in Feindesland geblieben. Der Engländer hat darum beschlossen, auf eine andere Weise unsere Kraft zu brechen. Er sucht unser Vaterland durch seine Seemacht von den neutralen Ländern völlig abzuschließen. Seine Aushungerungspolitik soll uns besiegen, ein unwürdiger, aber schlauer Plan. Scheut er doch die Menschenleben der Engländer und muß nach ihrer Meinung ganz bestimmt zum Ziele führen. Aber noch ist ihre Absicht nicht gelungen und sie wird auch nicht gelingen. Zwar ist unser Volk durch diesen Plan gezwungen, sich große Entbehrungen aufzuerlegen und viele gewaltige Opfer zu bringen. Aber es tut es gern! Noch ist unser Wille nicht gebrochen und die Kraft noch nicht erschöpft. Ein Beweis dafür geben unter anderem noch die gewaltigen Zeichnungen bei der letzten vierten Kriegsanleihe. Die Schulen durften auch daran beteiligt sein. Es wurden sogenannte "Schulzeichnungen" gemacht. Obgleich unser Dörfchen nur wenige Einwohner und zur Zeit nur 28 Schulkinder zählte, so brachten die Kinder doch eine Summe zusammen, die sich mit der mancher größeren Ortschaften ruhig messen konnte. Sie belief sich auf 2160 Mark.

August 1916

Schon wehen wieder stärkere Winde durch die Baumkronen unserer Bäume und treiben manches feste Blättchen dem Erdboden zu. Starke Lebenswinde durchbrausen auch so die Reihen unserer Krieger und pflanzen sich fort bis ins Innnerste unseres Vaterlandes. Manches blühende Menschenleben sinkt dem welken Grase gleich zu Boden. Bitterer denn je zuvor müssen die Früchte des Kampfes errungen werden. Aber noch steht unser Volk einig da, in dem Willen zu siegen, noch steht eine starke Wehr von entschlossenen und mutigen Kriegern den zahlreichen und erbitterten Angriffen der Feinde entgegen und der Herr segnet sichtbar unsere Waffen. Willig und gefaßt, das Schwerste zu ertragen, nehmen auch die Bewohner von unserem national beseelten Dörfchen die Nachrichten vom Schlachtfelde entgegen. Öfters erschienen schmerzliche, dann aber wieder freudige Nachrichten von unseren lieben Kriegern. Schon im Winter des vorigen Jahres wurde der Krieger Heinrich Braach durch ein feindliches Geschoß verwundet. Doch da die Verwundung keine Lebensgefahr zeigte und auch keine Verstümmelung zur Folge hatte, wußten die Angehörigen dem Herrn für solche Führung zu danken. Bald hatten sie auch die Freude, den Genesenen für kurze Zeit in ihrer Mitte zu haben.

Wunderbar rettete der Herr auch den Gefreiten Robert Brück aus einer schweren Lage. Er war durch die Wirkung feindlicher Geschosse im Schützengraben verschüttet. Aber des Herrn Gnade und fleißige Hände seiner lieben Kameraden retteten sein Leben. Schwer verwundet war auch der liebe Kämpfer Ernst Bender. Er durfte seine Genesungszeit in der Heimat verleben. Hier wurde ihm durch den Arzt auch das "Eiserne Kreuz" an die tapfere Brust geheftet. Augenblicklich liegen die beiden Brüder Fritz und Karl Braach mit Armverwundungen darnieder. Letzterer wurde kurz nach seiner Verwundung zum Obergefreiten ernannt, während der erstere schon früher die Gefreitenknöpfe an seinem Feldgrauen befestigen durfte.

Außer diesen beiden Brüdern sind während der Kriegszeit noch die Krieger Robert Brück und Eduard Bender zum Gefreiten befördert worden. Eine große Freude war es für seine liebe Familie, wie auch für die ganze Gemeinde, als eines Tages in einem schönen Kästchen verpackt, dem Landwirt Friedrich Bender der Bayrische Verdienstorden, den sich sein Sohn im heißen Ringen erworben hatte, zugeschickt wurde. Still und getrost ertrug auch der Krieger Wilhelm Ahl das im Feld sich zugezogene Nierenleiden. Mit stark geschwollenem Körper mußte er im vorigen Jahr ins Feldlazarett geschafft werden. Die Heilung nahm, nachdem er in unserem Vaterlande Aufnahme gefunden hatte, einen guten Fortgang, so daß er sich schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit wieder kräftig genug fühlte, in die Reihen der Krieger einzutreten. Aber kaum hatte er das Kriegerleben draußen von neuem durchkostet, als sich das alte Leiden wieder einstellte. Augenblicklich weilt er als dauernd Garnisonsdienstfähiger in der lieben Heimat. In den schweren Kämpfen vor Verdun ist der liebe Krieger Albert Demandt durch einen Schenkelschuß verwundet worden.

Oktober 1916

An dieser Stelle mag noch einmal unserer lieben Schulkinder und ihrer Arbeit im Dienste des Vaterlandes gedacht sein. Nicht allein das Bestehen des Vaterlandes und die Erreichung eines ehrenvollen, dauernden Friedens fordert die Kraft und Aufopferung unserer lieben Krieger, sondern es sind auch im Lande tätige Hände und opferwillige Menschen für das große Ziel und Streben nötig. Da bedarf es der Mithilfe von groß und klein von alt und jung. Daß die älteren und selbst bis ins hohe Alter hinaufreichenden Mütter und Großmütter, Väter und Großväter über Gebühr die Hand anlegen, muß ihnen dankbar angerechnet werden, aber auch die lieben Schulkinder sind zur Mittätigkeit aufgefordert und mit Freuden und großem Eifer ans Werk gegangen. Davon zeugen unter anderem wiederum ihre treuen Dienste bei der Zeichnung der 5. Kriegsanleihe. Wohl wurde vielfach die verderbenbringende Rede unter den Einwohnern verbreitet, wenn man nicht zeichnete, dann würde der Krieg eher ein Ende nehmen. Aber die Kinder haben die Eltern bewegt, über solchem törichtem Geschwätz doch dem Vaterland zu helfen und nach Kräften zu zeichnen. Die wenigen Kinder unserer Schule brachten auch diesmal ihre Schulzeichnung auf 2000 Mark. Ihnen sei hier herzlich gedankt. Doch ihr Eifer und ihre Mithilfe gehen weiter. Es heißt, es sollen Kirschsteine, Pflaumensteine, Brennessel, Früchte vom Weißdorn, Eicheln, Bucheckern und dergleichen gesammelt werden. Wohl ist auch da Anerkennendes von unseren lieben Schülern geleistet worden. Leider sind die Kinder des Siegerlandes nicht bemächtigt, hier an erster Stelle zu stehen, da diese Produkte sich meist nur in geringen Mengen vorfinden. Im vergangenen Frühjahr haben wir unter vielen Mühen Sonnenblumensamen in reicher Menge ausgesät. Leider wurde der Samen sehr spät zugestellt und dadurch sind die Sonnenblumen nicht zur vollen Reife gelangt. Nur wenig Samen konnte geerntet werden. Doch muß auch hier der Eifer und der Fleiß der Kinder anerkannt werden. Die Behörde sucht die Kinder für die treue Mithilfe zu erfreuen und zu belohnen. So durfte nach dem günstigen Ausfall der Schulzeichnung bei der 4. Kriegsanleihe mit den Kindern ein Ausflug gemacht werden, bei dem der großen Zeit und der gewaltigen Taten in Worten und Liedern gedacht und die Kinder durch einen guten Kaffee, allerhand volkstümliche Spiele und Kriegsspiele erfrischt und belohnt wurden.

September 1917

Der Krieger Albert Demandt wurde am Schluß des Kriegsjahres 1916 zum zweiten Male verwundet. Einige Zehen waren schwer verletzt. Nach kurzer Zeit kam er nach Deutschland und zwar nach Bayern. Hier weilte er bis zur flüchtigen Heilung, dann schickte man ihn in die Garnison. Doch die Wunde brach nach längeren Märschen immer wieder auf. Er ist dann auf ein Gesuch hin bis zur Entlassung beurlaubt. Schwer verwundet wurde im Frühjar 1917 der Gefreite Wilhelm Brück im heißen Ringen bei Arras. Er erhielt ein feindliches Geschoß in den Rücken. Lange Zeit mußte er still liegen. Dann aber heilte die Wunde aus, und er durfte nun zweimal auf kurze Zeit die Lieben in seinem Heimatdörfchen besuchen. Eine leichte Verwundung am Arm erhielt im Kampf in der Champagne der Krieger Heinrich Bender. Nach baldiger Heilung durfte er seinen Lieben einige Wochen bei der Feldarbeit helfen. Am 3. April 1917 fiel bei einem Sturm auf St. Quentin der Gefreite Heinrich Ahl. Schwer heimgesucht wurde in dem selben Jahr die Familie Witwe Heinrich Bender. Gesund kehrte der Krieger Heinrich Bender aus einem kurzen Erholungsurlaub - er war vorher verwundet worden - von seinen Lieben in die Garnison bei Berlin zurück. Dort erkrankte er an der Ruhr und starb. Er hinterließ eine Frau mit 2 Söhnen im Knabenalter. Am 12. Januar 1917 fiel in Rumänien der treue Krieger Eduard Otto. Er war der Stolz seiner alten Eltern. Sein Bruder Joseph erkrankte im Felde an einer Rippenfellentzündung. Danach bekam er ein Magengeschwür am Mageneingang. Sein Körpergewicht und seine Kräfte nahmen riesig ab. Eine glückliche Operation, zu der der Herr viel Gnade schenkte, rettete sein Leben. Er ist dann später entlassen worden und bekleidet heute das Amt eines Milchrevisors in unserem Amt.

1918

Frau Vorsteher Daub und Herrn stellvertretendem Vorsteher Flender wurde das Verdienstkreuz verliehen. Der Unteroffizier Friedrich Daub erhielt die großen Adlerknöpfe und wurde mit dem "Eisernen Kreuz" ausgezeichnet.

Auch der Beginn des 2. Weltkrieges mit dem Einfall in Polen und der damit verbundenen Kriegserklärung der Westmächte brachte entscheidende Veränderungen im Dorf mit sich. Im Laufe des Herbstes und Winters 1939/40 wurden allein aus Beienbach 15 junge Männer eingezogen. Ihre Namen sind: Otto Bender, Gustav Bender, Ernst Becker, Richard Becker, Hans Bender, Willi Schmit, Walter Schmidt, Fritz Daub, Otto Flender, Ernst Flender, Paul Stücher, Emil Stücher, Gustav Bender, Heinrich Flender.

Mit Spannung und Begeisterung wurden die Nachrichten von den ersten Siegen der deutschen Wehrmacht aufgenommen, bis der anfänglichen Euphorie die Sorge um die an der Kriegsfront weilenden Angehörigen wich. Der Blutzoll, den auch unser Dorf bezahlen mußte, war sehr hoch. Die Namen der Gefallenen und Vermißten auf der Gedenktafel am Ehrenmal dokumentieren dies. Doch auch das Dorf selbst wurde in den letzten Monaten in das Kriegsgeschehen mit einbezogen. Im Februar 1945 stürzte ein Lancaster-Bomber, der an einem Angriff auf Kaan-Marienborn beteiligt war, über den Feldern "In den Birken" ab. Man nimmt an, daß sich bei diesigem Wetter zwei Flugzeuge rammten und es so zu dem Absturz kam. Im Ort selbst wurde vor Fejje Haus ein junger deutscher Soldat, der sich nicht ergeben wollte, von Amerikanern erschossen.

Zwei Schüleraufsätze aus der Schulchronik zu den Ereignissen der letzten Kriegsmonate:

1945 in Beienbach

Auch Beienbach wurde nicht vom Kriege verschont. Anfang des Jahres 1945 merkte man, daß der Krieg sich seinem Ende nahte. Die Bombenangriffe wurden immer stärker. Am 16. Dezember 1944 wurde Siegen fast ganz zerstört. Auf den Bergen um Beienbach konnte man den Schein des Feuers sehen. Auch konnte man sehen, wie die Tiefflieger die Bomben auf Siegen warfen. Unzählige Flugzeuge flogen über Beienbach. Einmal, so erzählte meine Tante, hatten sie Korn gesät. 185 Flugzeuge seien über sie geflogen. Auch habe sie gesehen, wie die Tiefflieger die letzte Lokomotive der Kleinbahn zerstörten. Ein Flugzeug war über den Berg gekommen, hatte die fahrende Lokomotive erspäht und auf sie geschossen. In jedem Haus in Beienbach waren Soldaten. Wir hatten vier deutsche Soldaten im Haus. Sie wachten und gaben acht, denn die Amerikaner konnten jeden Tag kommen. Zwei Soldaten wachten und zwei schliefen. Als um 3 Uhr in der Nacht ein Soldat wieder gucken wollte und ans Backhaus ging, hörte Tante Luise eine Maschinenpistole knallen. Oh, jetzt kommen die Amerikaner, dachte sie und lief schnell in die Kammer, wo die Soldaten schliefen. Sie rüttelte und schüttelte die müden Soldaten wach. Zwei sprangen schnell aus dem Fenster. Man hörte die Amerikaner schon auf dem Flur. Auf einen Soldaten schossen die Amerikaner noch und nahmen ihn gefangen. Auch die beiden anderen wurden gefangen genommen. Dann untersuchten sie das Haus. Meine Tante mußte mit den vielen Evakuierten oben wohnen. Unten hausten die Amerikaner. Um unser Haus standen sieben Geschütze, mit denen sie nach Netphen schossen. Einmal wollte Tante Luise im Keller Kartoffeln holen. Als sie gerade in den Keller wollte, riß ein Soldat sie zurück. Er machte allerhand Zeichen, die deuten sollten, daß sie nicht in den Keller dürfe. Am Abend stellte sich heraus, daß fünfzehn deutsche Gefangene im Keller waren.

Auch für die vielen, vielen Evakuierten mußte gesorgt werden. Es waren fast 500 Menschen in Beienbach. Man konnte ja nichts kaufen. So wurde von Rudolf Stücher ein Ochse geschlachtet. Das Fleisch wurde gleichmäßig auf die Leute verteilt. Das Milchauto kam auch nicht. Die Milch wurde in einem Haus entrahmt. Die Butter wurde auch selbst gemacht. Jede Familie mußte einen Sack Korn zu Braachs geben. Braachs mußten eine Bescheinigung von der Militärbehörde haben. Dann fuhren sie nach Helgersdorf, um das Getreide mahlen zu lassen. In Beienbach konnte man ja nicht mahlen, weil die Überlandleitung kaputt war. In Helgersdorf wurde die Mühle noch mit Wasser angetrieben. Dort wurde das Getreide gemahlen und wieder zum Beienbacher Backhaus gebracht. Einige von den Evakuierten waren Bäcker. Diese Männer backten Brot. So wurde für die Evakuierten gesorgt. Am 9. Juni 1945 kam mein Vater nach Hause. Manche Männer kamen erst viel später nach Hause. Allmählich regelte sich das Leben wieder. Aber so schnell war die Not nicht behoben.

(Hanna Daub, 8. Schj. 1962)

Was mir meine Mutter vom Jahre 1945 erzählte

Im Februar 1945 kam Vater das letzte Mal in Urlaub. Er blieb zwei Wochen hier und mußte am 7. März wieder nach Rumänien zurück. Von Wien schrieb er den letzten Brief. Nun hörten wir ein ganzes Jahr nichts mehr von ihm, weil keine Post mehr ging. Die Front rückte immer näher und am 4. April 1945 kamen die Amerikaner in unser Dorf. Bei uns im Schuppen schlugen sie ihre Küche auf und alle mußten aus dem Haus. Mein Opa und meine Oma gingen zu Flenders und meine Mutter nach Hause. Nun konnten die Amerikaner in unserem Haus machen, was sie wollten. Sie durchsuchten das ganze Haus, ob nicht irgendwo ein deutscher Soldat wäre. Zweimal am Tag gingen meine Mutter und mein Großvater in unser Haus, um die Kühe zu melken und zu füttern. Mein Opa hatte unter der Treppe einen geheimen Schrank. Dort hatte er einen Schweineschinken versteckt. Überall hatten sie gesucht, aber den Schinken hatten sie nicht gefunden. Als die Amerikaner aus dem Haus waren, konnten wir ihn noch unbesorgt essen. Im Dorf wurden die Geschütze aufgestellt, die immer nach Netphen auf den Kreuzberg gerichtet waren. Fast jedes Haus hatte einen Knecht. Wir hatten einen Polen, der Stefan hieß. Als ein Flugzeug sehr niedrig über unser Haus flog, lief er gleich hinter dem Flugzeug her und war als erster bei der verunglückten Maschine, die auf der Höhe notlanden mußte. Es war ein amerikanisches Flugzeug und der Pilot war bei dem Aufschlag getötet worden.

Als die amerikanischen Soldaten im Dorf waren, wurden die Polen in Siegen gesammelt. Nun hatten wir keinen Knecht mehr und meine Großeltern und meine Mutter mußten die ganze Arbeit tun. Am 16. Dezember wurde Siegen bombardiert. Bei einem Angriff auf Siegen wurde es an einem Abend taghell. Die Bombengeschwader hatten einen Leuchtschirm abgeworfen, der vor meiner Großeltern Haus herabfiel. Das Milchauto fuhr nicht mehr. Die Milch wurde bei Daubs gesammelt und mit der elektrischen Zentrifuge gebuttert. Nun konnte sich jeder bei Daubs Butter holen. Nach und nach gingen die Soldaten wieder aus unserem Dorf, denn nun war auch Netphen eingenommen. Im Backhaus wurde das Brot gebacken. Ein evakuierter Bäcker aus Siegen war der Bäckermeister. Es war ein großer Brotverbrauch, weil so viele Evakuierte im Dorf waren. Am 8. Mai war der Krieg beendet. Alle Lebensmittel wurden auf Karten bezogen. Das Geld war nichts wert, und es gab auch nichts dafür zu kaufen.

Wie in alter Zeit brannten nun im Dorf die Petroleumlampen. Kerzen konnte man kaum bekommen. Wer noch eine gute alte Petroleumlampe vom Großvater hatte, der war reich. Aus den Städten kamen Scharen von Menschen auf die Dörfer und holten sich Lebensmittel, Kartoffeln und Milch, weil es in den zerbombten Städten nichts mehr gab. Selbst meine Tante aus Hagen holte sich Koffer und Rucksäcke voll Kartoffeln bei uns. Gegen Geld gab keiner etwas ab, darum brachten die Menschen aus den Städten Haushaltsgeräte, Bettücher, Teppiche und anderes und tauschten es gegen Lebensmittel ein.Bei uns im Dorf wurde noch nicht gehungert, weil jede Familie noch etwas Acker besaß. Billige Arbeitskräfte konnte man zu der Zeit bekommen, denn jeder arbeitete gerne, um sich noch einmal satt zu essen.

Im Sommer kamen nach und nach die Soldaten des Dorfes wieder. Aber nicht alle, weil viele im Krieg umgekommen waren. Von Vaters Brüdern sind zwei nicht mehr nach Hause gekommen. Mein Onkel aus Hagen ist mit dem Flugzeug ins Meer gestürzt. Am 26. November kam mein Vater aus russischer Gefangenschaft zurück.

(Brigitte Stücher 7. Schj./1962)

  • Letzte Änderung: 16.02.2004